Konventionell wird die MS in die schubförmigen und progredienten Krankheitsverläufe eingeteilt. Entsprechend war die Zunahme von Behinderung bei den schubförmigen Verläufen mit dem Auftreten von Schüben assoziiert. Neue Erkenntnisse über den Beitrag der schleichenden Progression zur Behinderungsakkumulation direkt ab Beginn der MS führten jedoch dazu, die MS heute als Kontinuum zu betrachten — und bei der Therapiestrategie umzudenken.
Die Mechanismen hinter der Progression
Das konventionelle, ursprüngliche Modell der MS unterscheidet zwischen den schubförmigen (Känguru) und der progredienten, schleichenden Verlaufsform (Schnecke). Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass diese Einteilung so nicht mehr ganz stimmt. Wachsende Erkenntnisse über die MS haben gezeigt, dass die RRMS, die SPMS und die PPMS keine unterschiedlichen Krankheitsbilder sind, sondern verschiedene Phasen derselben MS-Erkrankung darstellen. Das bedeutet, dass nicht nur bei der vermeintlich progredienten Verlaufsform eine schleichende Progression auftritt, sondern auch bei den schubförmigen. Die MS schreitet somit auch zwischen zwei Schüben unbemerkt fort und die Schübe addieren sich auf die schleichende Progression.
Bei der schubabhängigen Verschlechterung (RAW, relapse-associated worsening) bilden sich die Symptome nach einem Schub nicht mehr vollständig zurück und verschlechtern sich dauerhaft. Neue Studien führten zu der Erkenntnis, dass die Progression unabhängig von Schüben (PIRA, progression independent of relapse activity) den deutlich größeren Anteil zur bestätigten Behinderungsprogression bei den schubförmigen MS-Verläufen beiträgt. Zudem konnte gezeigt werden, dass das Auftreten von PIRA früh im Krankheitsverlauf auf eine ungünstige Langzeitprognose hindeutet.

Progression von Anfang an bremsen
Das moderne Bild der MS als eine von Beginn an fortschreitende Erkrankung mit PIRA als hauptsächlichem Treiber der Behinderungsprogression hat zu einem Umdenken bei der Behandlung geführt. Das vorrangige Ziel jeder Therapie sollte sein, das Fortschreiten der MS – unabhängig von Schüben – möglichst frühzeitig und nachhaltig zu verlangsamen. Es reicht nicht aus, lediglich Schübe zu vermeiden. Daher gewinnen insbesondere hochwirksame MS-Therapien an Bedeutung, die auf die „unsichtbare“ Progression abzielen.
Quellen
- Lublin FD et al. Neurology 2014;83:278.
- Vollmer TL et al. Neurol Clin Pract 2021;11:342.
- Kappos L et al. JAMA Neurol 2020;77:1.
- Kappos L et al., Mult Scler 2018;24:963.
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